Trügerische Idylle? Dem Immobilienmarkt im ländlichen Raum haften einige Probleme an (Bild: Photocase)

Podiumsdiskussion mit (von links) Harald Standl, Günter Dippold, Heinz Peter Hungbaur, Wolfgang Kreil und Moderator Tobias Chilla

- Antje Gläser

Das Ende der Idylle?

20. Heiligenstadter Gespräch über Immobilienmärkte im ländlichen Raum

Was soll eigentlich aus den leer stehenden Häusern werden, die an vielen Ortsdurchfahrten Oberfrankens stehen? Lohnt es sich eigentlich heute noch für junge Familien, ‚aufs Land‘ zu ziehen? Wird es künftig neue Wüstungen in Oberfranken geben? Diese Themenkreise wurden am 16. November in Heiligenstadt analysiert und diskutiert.

Dr. Harald Standl, Privatdozent am Bamberger Geographischen Institut, beschrieb zunächst aktuelle Trends der Wohnungsmarktentwicklungen in der oberfränkischen Peripherie am Beispiel der Stadt Selb und angrenzenden Gemeinden – die Negativtrends sind offensichtlich und zum Teil erschreckend. Aus seiner Sicht sind aber nicht nur die generellen Schrumpfungsparameter zu beachten, sondern gerade auch die differenzierten Haushaltsstrukturen und kleinräumige Trends. Den ländlichen Raum gibt es gerade im Hinblick auf die Immobilienmärkte nicht mehr. Im ländlichen Raum wird sich die Nachfrage nach Wohnungen für ein bis zwei Personen zunächst erhöhen, hingegen stellt beispielsweise die Vermarktung von renovierungsbedürftigen Mehrfamilienhäusern schon jetzt eine erhebliche Herausforderung dar. Standl wies nachdrücklich darauf hin, dass durch die Ausweisung von Baugrundstücken zu Schnäppchenpreisen der Verfall dieser Immobilien noch zusätzlich begünstigt werde und somit kein tragfähiges Konzept der Kommunalpolitik sein könne.

Werteverfall von Immobilien

Wolfgang Kreil, Oberbürgermeister der Großen Kreisstadt Selb, sieht den ‚Downspin‘ der Immobilien im ländlichen Raum als sehr akutes Problem, und als Kommunalpolitiker sucht er vor allem die verbleibenden Handlungsmöglichkeiten bei lokalen Problemsituation zu nutzen: Anhand verschiedener Beispiele erläuterte Kreil, dass der Werteverfall von Immobilien immer von spezifischen Rahmenbedingungen abhängt und keinem einheitlichen Muster folgt. In Selb wurde beispielsweise durch die Schaffung von 60 Seniorenwohnungen, die entsprechend mit Angeboten des Gesundheitsbereichs ausgestattet sind, ein innovatives Vorhaben umgesetzt. Dabei kann der Bedarf an Seniorenwohnungen derzeit noch nicht einmal gedeckt werden.

Die Perspektive der Finanzierungsinstitute zeigte Heinz-Peter Hungbaur auf, Marktbereichsdirektor Vertrieb der Bayerischen Landesbausparkasse (LBS). Auch in strukturschwachen Gebieten mit erhöhter Arbeitslosigkeit und überdurchschnittlichen Abwanderungsraten sei auf positive Alleinstellungsmerkmale zu setzen, die erkannt und offensiv vermarktet werden müssen. Gerade Oberfranken unterlasse es in vielleicht nicht angemessener Bescheidenheit, die ungezählten Attraktionen und die hohe Lebensqualität gezielt zu vermarkten. Die verbleibenden Potentiale, etwa Zweitwohnsitze, seien noch kaum erkannt, geschweige denn genutzt.

Verstärktes Regionalmarketing

Die anschließende Podiumsdiskussion wurde moderiert von Dr. Tobias Chilla, Akademischer Rat am Bamberger Geographischen Institut. Neben den Referenten waren auch Prof. Dr. Günter Dippold, Bezirksheimatpfleger von Oberfranken, und Helmut Krämer, Bürgermeister von Heiligenstadt ,Teilnehmer des Podiums, die mit dem Publikum lebhaft diskutierten. Auch in diesem Jahr waren knapp 100 Gäste gekommen, vor allem Entscheidungsträger aus Lokal- und Regionalpolitik.

Es waren vor allem drei Stoßrichtungen zu erkennen, um auch bei eher tristen Prognosen die Immobilienmärkte durchaus als Handlungsfeld zu verstehen: Erstens wurde wiederholt die Notwendigkeit hervorgehoben, verstärktes Regionalmarketing zu betreiben, um ungenutzte Potentiale der Zuwanderung zu nutzen. Zweitens wurden die Möglichkeiten von Immobilienplanung und –bau diskutiert: Qualität und Dimension von Bauten und die Ästhetik von ländlichen Siedlungen müssen auf demographischen Wandel reagieren. Drittens wurden vielfältige Ansätze von Pilotstudien und Experimentierfeldern angeregt – dies reicht von der planerischen Begleitung von Wüstungsprozessen über flexible Bauformen bis hin zu Datenerhebungen auf der Mikroebene. Diese Ideen werden dienlich sein, entgegen dem „Wachstumsparadigma“ der vergangenen Jahrzehnte einen erweiterten Planungs- und Politikfokus einzunehmen, um den anstehenden Herausforderungen gerecht zu werden.