Gerald Kubik (links) und Martin Beyer haben mit ihrem Projekt SilbenMusik Gedichte Georg Trakls vertont.
Nach getaner Arbeit (von links): Gerald Kubik, Hans Weichselbaum, Martin Beyer und Claudia Wricke
Der Architekt des Verfalls
Der Dichter Georg Trakl wird wegen seiner düsteren und melancholischen Lyrik oft als der „dunkle Bruder“ Mozarts bezeichnet. Und so stand, passend zur trüben Herbstzeit, die letzte Veranstaltung der 10. Bamberger Herbstlese am 3. November ganz im Zeichen dieses Dichters. Eingeladen war der Trakl-Experte Dr. Hans Weichselbaum. Kreativ und sinnlich beschlossen wurde der Abend durch SilbenMusik und ihre Gedicht-Vertonungen.
Angefangen hat es mit einem Trakl-Seminar an der Universität Bamberg, das eine Ausstellung zu den verschieden Zeit-, Lebens- und Stimmungsräumen in Trakls Gedichten erarbeitete. Zum 120jährigen Trakl-Jubiläum startete das Musik-Literatur-Duo SilbenMusik die optimistische Initiative „Bringen Sie Georg Trakl in die Charts“. Und auch das neue Buch „Klage“ von Martin Beyer setzt sich mit Trakl oder genauer gesagt mit dessen Verhältnis zu seiner Schwester Margarethe auseinander und fragt, warum diese Liebe in den Untergang geführt hat.
Trakls Lyrik
In seinem Vortrag setzte sich Dr. Hans Weichselbaum, der Leiter der Trakl Forschungs- und Gedenkstätte in Salzburg, vor allem mit der Lyrik des expressionistischen Dichters auseinander. Der 1887 geborene Trakl sei Kind der österreichisch-ungarischen Monarchie gewesen, erklärte Weiselbaum. „Er wurde schon sehr früh von der Dichtung Lenaus geprägt, der die Fragwürdigkeit und Flüchtigkeit des menschlichen Glücks in den Vordergrund seiner Lyrik stellte.“ Trotz anfänglicher literarischer Fehlversuche wird Trakl durch seinen Jugendfreund Erhard Buschbeck in seinem Dichten bestärkt. Durch ihn lernt er 1912 in Innsbruck auch Ludwig von Ficker kennen, der Trakl fördert, indem er in seiner Zeitschrift „Der Brenner“ regelmäßig dessen Gedichte veröffentlicht.
„Nur dem, der das Glück verachtet, wird Erkenntnis“. Dieses Zitat Trakls lässt tief in die Seele des Dichters blicken. Denn für Trakl sei das Dichten kein Spiel gewesen, sondern eine ernste Sache, meinte Weichselbaum und zitierte Buschbeck, der über seinen Freund sagte: „Dichten ist seine innerste Angelegenheit und einsamste Verpflichtung gewesen.“ Mit der Zeit verändern sich seine Gedichte in Inhalt und Form. Prägend sei hier vor allem die Literatur von Arthur Rimbaud gewesen, so Weichselbaum. „Trakl distanziert sich langsam von persönlichen Gedichten, sie werden unpersönlicher und das lyrische Ich verschwindet bald ganz.“ Und auch sein selbstentwickeltes Gedichtschema, das sich vor allem durch einen expressionistischen Reihungsstil auszeichnet und das Trakl selbst als „meine bildhafte Manier, die in vier Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck zusammenschmiedet“ bezeichnete, tritt zu Gunsten von Verknappungen immer stärker in den Hintergrund.
Die Zeit des Verfalls
Im Mittelpunkt von Trakls Gedichten stehen semantisch nicht eindeutig bestimmbare Orte. Der Garten sei für Trakl zum Beispiel nicht nur Ort der Inspiration, sondern gleichzeitig mehrdeutiges Motiv. Weichselbaum wies darauf hin, dass das Gedicht „Musik im Mirabell“ den Salzburger Mirabell-Garten zum Vorbild habe: „Es zeigt, wie das Unheimliche in eine ästhetisch überhöhte Parklandschaft eindringt – und mit ihm auch ein Fremdling, als den sich Trakl selbst sieht.“
Für Trakl spielt aber auch die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg eine große Rolle, die er stets als eine Zeit des Verfalls und des Niedergangs betrachtete. Weichselbaum: „Deswegen sind seine Gedichte von rätselhaften Bildern, finsteren Vorahnungen und im Verfall begriffenen Landschaften bestimmt. Doch in seinen poetischen Bildern hat Trakl immer auch seine inneren Abgründe gestaltet.“
„Bringen Sie Georg Trakl in die Charts!“
Nach den ausführlichen Erläuterungen von Weichselbaum brachte das Musik-Literatur-Duo SilbenMusik – das sind der Germanist und Autor Martin Beyer und der Gitarrist Gerald Kubik – unterstützt von Sängerin Claudia Wricke den Zuhörern die Lyrik Trakls auch sinnlich näher. Mit vertonten Gedichten Trakls aus der SilbenMusik-Initiative „Bringen Sie Georg Trakl in die Charts“, aber auch mit eigenen Kreationen ließen sie nicht nur den Abend, sondern auch die 10. Bamberger Herbstlese herbstlich melancholisch ausklingen.